Es gibt Menschen, die sagen etwas mit einer solchen Überzeugung, dass Du für einen Moment vergisst, dass Du es eben noch anders empfunden hast.
Sie wirken sicher. Klar. Vielleicht haben sie sogar gute Argumente.
Und plötzlich beginnt es in Dir zu arbeiten.
Habe ich etwas übersehen?
Bin ich vielleicht zu empfindlich?
Sollte ich das noch einmal anders betrachten?
Vielleicht hat sie ja recht …
Ich kenne diese Bewegung. Und ich kenne sie ziemlich gut.
Heute kann ich sie beobachten. Kann wahrnehmen, wie etwas in mir kurz ins Wanken gerät. Wie meine Aufmerksamkeit von mir weg und hin zu meinem Gegenüber wandert. Früher konnte ich mich darin verlieren. Heute finde ich zurück.
Und vielleicht ist genau das Selbstvertrauen.
Nicht dieses unerschütterliche „Ich weiß ganz genau, was richtig ist“.
Sondern:
Ich darf an mir zweifeln, ohne mich dabei zu verlassen.
Wenn die Reaktion der anderen wichtiger wird als das eigene Empfinden
Wir kommen nicht mit einem fertigen Verständnis unserer Grenzen, Bedürfnisse und Wünsche auf die Welt. Wir lernen uns auch durch die Menschen kennen, mit denen wir aufwachsen. Wir lernen, worauf mit Freude reagiert wird. Womit wir Anerkennung bekommen. Wann Nähe entsteht. Und wir spüren sehr genau, wenn sich etwas verändert, weil unser Verhalten gerade nicht den Erwartungen unseres Gegenübers entspricht. Als Kinder sind wir darauf angewiesen, verbunden zu bleiben.
Also passen wir uns an. Manche von uns werden besonders fein darin. Sie können Räume lesen, Energien spüren. Stimmungen wahrnehmen. Spüren schon an einem Blick, einem Tonfall oder einer kleinen Veränderung im Gesicht, ob etwas stimmt. Eine wunderbare Fähigkeit.
Und gleichzeitig kann genau diese Fähigkeit dazu führen, dass die Wahrnehmung der anderen irgendwann lauter wird als die eigene.
Was brauchst Du? wird wichtiger als Was brauche ich?
Was erwartest Du von mir? übertönt Was möchte ich?
Und Bist Du noch gut mit mir? kann wichtiger werden als die Frage:
Bin ich eigentlich noch gut mit mir?
Peoplepleasing ist nicht einfach „zu nett sein“
Heute nennen wir diese Bewegung gerne Peoplepleasing. Das klingt manchmal fast ein bisschen nach einer lästigen Angewohnheit, die wir uns einfach abtrainieren müssten. Ich sehe das anders.
Für mich steckt darin zunächst eine sehr kluge Fähigkeit unseres Systems.
Wenn Zugehörigkeit, Anerkennung oder emotionale Sicherheit davon abhängen, wie gut ich mein Umfeld lesen und mich darauf einstellen kann, dann ergibt Anpassung verdammt viel Sinn.
Schwierig wird es erst, wenn ich irgendwann erwachsen bin und mein System noch immer glaubt, dass die Irritation eines anderen Menschen automatisch etwas über die Richtigkeit meiner Entscheidung aussagt.
Dann kann ein Nein plötzlich sehr viel größer werden als ein Nein.
Eine Grenze kann sich anfühlen wie Beziehungsverlust.
Eine andere Meinung wie Gefahr.
Und die Enttäuschung eines Menschen wie ein Beweis dafür, dass mit meiner Entscheidung etwas nicht stimmt.
Obwohl mein Körper vielleicht längst weiß:
Hier möchte ich nicht weiter.
Grenzen beginnen nicht beim Nein
Wir sprechen so viel darüber, dass Menschen „lernen müssen, Grenzen zu setzen“. Ich glaube, wir springen damit manchmal einen Schritt zu weit. Denn bevor ich eine Grenze setzen kann, muss ich sie überhaupt wahrnehmen können.
Wie fühlt sich mein Nein an?
Wo wird es enger in mir?
Wann ziehe ich unwillkürlich die Schultern hoch?
Wann halte ich meinen Atem an?
Wann merke ich, dass ich eigentlich längst gehen möchte, während mein Kopf noch Argumente dafür sammelt, warum ich bleiben sollte?
Und genauso:
Wie fühlt sich ein echtes Ja an?
Wann wird mein Körper weiter?
Wo entsteht Neugier?
Wann kommt Leben in mich?
Diese Sprache ist nicht immer laut.
Der Körper hält selten einen Vortrag.
Manchmal ist seine Antwort nur dieses kaum merkliche Zusammenziehen im Bauch. Ein tiefer Atemzug. Ein Impuls, einen Schritt zurückzutreten. Oder eine Ruhe, die plötzlich da ist, obwohl die Entscheidung im Außen überhaupt nicht bequem ist.
Für mich liegt genau dort ein wesentlicher Teil meiner Arbeit.
Nicht darin, einem Menschen zu sagen, was für ihn richtig ist.
Sondern darin, Räume entstehen zu lassen, in denen die eigene Wahrnehmung wieder hörbar werden darf.
Ich kenne das Wackeln bis heute
Ich würde Dir gerne erzählen, dass man irgendwann genug innere Arbeit gemacht hat und anschließend für den Rest seines Lebens souverän in seiner Mitte ruht.
Wäre schön.
Meine Erfahrung ist eine andere. Auch heute begegnen mir Menschen und Situationen, die alte Bewegungen in mir berühren. Es gibt eine bestimmte Form von Dominanz, auf die mein System sehr schnell reagiert. Menschen, die sehr sicher darin sind, wie etwas zu verstehen, einzuordnen oder zu bewerten sei, können eine alte Stelle in mir erreichen.
Dann beginnt auch in mir manchmal noch die Suche:
Habe ich wirklich alles gesehen?
Bin ich unfair?
Sollte ich mich doch noch einmal bewegen?
Der Unterschied ist nicht, dass diese Fragen verschwunden sind. Der Unterschied ist:
Ich verschwinde nicht mehr mit ihnen.
Ich kann mir Zeit geben.
Ich kann mich bewegen und wieder zurückkommen.
Ich kann andere Perspektiven hören, ohne sie automatisch über meine eigene Wahrnehmung zu stellen.
Und ich darf irgendwann sagen:
Ich habe hingeschaut. Ich habe gefühlt. Ich habe geprüft. Und das hier ist meine Entscheidung.
Auch dann, wenn ein anderer Mensch sie nicht versteht.
Selbstvertrauen ist für mich kein Dauerzustand
Vielleicht ist das einer der größten Irrtümer rund um Selbstvertrauen:
Dass selbstbewusste Menschen niemals zweifeln.
Dass sie immer wissen, was sie wollen.
Dass Entscheidungen sich klar und kraftvoll anfühlen müssten. Dass ein Nein nur dann ein richtiges Nein ist, wenn wir es ohne Herzklopfen aussprechen können.
Mein Selbstvertrauen sieht anders aus.
Manchmal ist es sehr klar.
Manchmal zittert es ein bisschen.
Manchmal braucht es mehrere Runden.
Und manchmal muss ich erst eine ganze Emotionswelle surfen, bevor ich wieder weiß, was darunter eigentlich meines ist.
Aber ich habe gelernt, dabei bei mir zu bleiben.
Oder – wenn ich mich doch einmal verliere – den Weg zurück zu kennen.
Vielleicht ist das die Form von Selbstvertrauen, die mich heute am meisten interessiert.
Nicht:
Ich weiß immer, was richtig ist.
Sondern:
Ich vertraue darauf, dass ich mich hören kann.
Dass mein Körper mit mir spricht.
Dass ich meine Meinung verändern darf.
Dass ich Fehler machen darf.
Dass ich nicht die Zustimmung eines anderen Menschen brauche, damit meine Wahrnehmung gültig wird.
Und dass ich mich nicht verlassen muss, nur damit jemand anderes bei mir bleibt.
Vielleicht musst Du gar nicht selbstsicherer werden
Vielleicht kennst Du diese Momente auch.
Du weißt eigentlich etwas – bis jemand anderes sehr sicher etwas anderes weiß.
Du spürst ein Nein – und beginnst sofort, es zu erklären.
Du möchtest etwas – und prüfst im selben Moment, ob Dein Wunsch für die anderen zumutbar ist.
Dann möchte ich Dir nicht sagen:
Du musst endlich lernen, für Dich einzustehen.
Vielleicht darf die Bewegung viel früher und viel zarter beginnen.
Bei der Frage:
Was nehme ich gerade eigentlich wahr, bevor ich darüber nachdenke, was ich wahrnehmen sollte?
Vielleicht braucht es einen Atemzug.
Vielleicht Bewegung.
Vielleicht eine Hand auf Deinem Körper.
Vielleicht Zeit.
Und vielleicht bedeutet Selbstvertrauen gar nicht, immer zu wissen, was richtig ist.
Vielleicht bedeutet es, Dich nicht zu verlassen, während Du es herausfindest.
Surf mit mir – Emotionswellen
In meiner körperorientierten 1:1-Begleitung geht es nicht darum, dass ich Dir sage, wo es für Dich langgeht.
Mich interessiert der Raum darunter.
Der Raum, in dem Dein Körper wieder mitreden darf. In dem Gefühle nicht wegreguliert werden müssen. In dem ein Nein genauso willkommen ist wie ein Ja – und ein „Ich weiß es gerade nicht“ vielleicht erst einmal die wahrhaftigste Antwort sein darf.
Du bringst alles mit.
Manchmal braucht es nur einen Raum, in dem es wieder spürbar werden kann.

